Korruptionsprävention
Referat von Wolfgang
Sielaff1
"Korruption im Staat führt ohne
Umwege zur Korruption des Staates."
Ich möchte diesem Zitat von Paul Noack hinzufügen: Korruption in der
Wirtschaft beschleunigt diesen Prozess. Heute steht fest, dass Korruption auch
in unserer Gesellschaft weit verbreitet ist - auf jeden Fall stärker als wir
vermuten oder wahrhaben wollen. Es gibt
ein erhebliches Dunkelfeld. Korruption zu bekämpfen, insbesondere auch ihr
vorzubeugen, heißt zuallererst sie zu erkennen!
Nun kennen wir alle sicherlich manche
Spielarten der Korruption oder des korrumpierenden Verhaltens - mindestens
können wir sie uns vorstellen. Andererseits
sind ihre Phänomene oft sehr subtil und schwer zu beschreiben, geschweige denn
zu definieren. Lassen Sie mich das
Definitionsproblem an einem Bild verdeutlichen:
Gefragt, was Pornografie sei, hat ein US
Bundesrichter einmal geantwortet: "Ich weiß es nicht zu definieren, aber
ich erkenne es, wenn ich es sehe."
Ähnliches kann man angesichts der Vielfalt
ihrer Erscheinungsformen auch über die Korruption sagen.
Indikatoren
Hilfreich zu ihrer Erkennung können Indikatoren
sein, die auf korrumpierendes Verhalten hinweisen. Im Zusammenhang mit früheren Ermittlungen aus dem behördlichen
Beschaffungswesen sind beispielsweise folgende typische Korruptionssignale
geläufig:
• Übersendung von Geburtstags- und
Weihnachtspräsenten an Mitarbeiter des Beschaffungswesens - teilweise direkt an
die Privatanschrift,
• Besuch von Fachmessen einschließlich
Bewirtung und Betreuung auf Kosten von Lieferantenfirmen,
•
Finanzierung von Dienstreisen durch den jeweiligen Lieferanten; Geschäftsbesprechungen
bei Firmen außerhalb des allgemeinen Rahmens, z.B. auf einer Wochenendsegeltour
auf Firmenkosten,
• Kurzurlaub, Theaterbesuch auf Firmenkosten,
ggf. mit Ehefrau oder Familie,
• Urlaub in firmeneigenen Unterkünften,
• Sachzuwendungen durch Firmen für den
Privatgebrauch, z.B. Porzellan,
Fernsehgerät, Videorekorder, PC, Videokamera,
• Finanzierung von Betriebsfeiern oder
Ausrichtung von Betriebsausflügen (einschl.
Teilnahme von Firmenvertretern),
• Beratertätigkeiten von Ehepartnern zu
Firmen, die gleichzeitig Lieferanten sind.
Ich vermute, dass mancher von ihnen
denkt, dass das doch normale Usancen im Geschäftsverkehr seien.
Wir unterscheiden personen- und verfahrensspezifische
Korruptionsindikatoren:
Personenspezifische
lndikatoren
Auffallende Vertraulichkeit im Umgang mit Kunden/Antragstellern -
auffällig aufwendiger Lebenswandel, der auch nicht plausibel erklärbar ist.
Sog. "risikoreiche Lebensweisen" z.B. Spielsucht,
Alkoholabhängigkeit
Steuern
von Zuständigkeiten auf die eigene Person, persönliche Übernahme von Klienten/Kunden.
Absichtliches Unterlassen von Sicherheitsvorschriften, z.B. Verzicht auf
Vier-Augen-Prinzip.
Überzogenes Argumentieren für einen bestimmten, nicht unumstrittenen Auftrag.
Abschotturig
gegenüber anderen Mitarbeitern, ständige Präsenz, Verzicht auf Urlaub.
Das nachdrückliche Bestehen auf einen bestimmten Sachbearbeiter durch
den Kunden.
Verfahrensspezifische
Indikatoren
-
Entscheidungen ohne vorherige Prüfung
-
Entscheidungen gegen die Rechtslage
- unvollständige oder fehlerhafte Akten
- Verzicht
auf Kontrollen
- Vertragsabschlüsse
mit unüblich langen Bindungen
- unerklärliche
Verfahrensbeschleunigungen
- Verzicht
auf öffentliche Ausschreibungen
Ich betone, dass die Indikatoren für sich
alleine noch kein Beweis für eine korruptive Verbindung sind. Erst wenn sie sich häufen oder in bestimmten
Konstellationen auftreten, wird aus den einzelnen Indizien häufig eine
Indizienkette und schließlich auch ein Beweis.
Korruptionsprävention
Besonders wichtig ist die Enttabuisierung
der Korruption. Nur eine sensible, problemorientierte,
ggf. auch schmerzhafte Auseinandersetzung mit der Thematik, führt zu den
notwendigen Einsichten und Konsequenzen.
Dialogbereitschaft, Offenheit und Wahrhaftigkeit sind gefordert; auch
nach außen.
Nur über eine selbstkritische Reflexion
entwickelt sich Problembewusstsein und Sensibilität.
Ein stabiles Werlebewusstsein ist für
mich wichtigste Abwehrposition gegen korrumpierende Einflüsse. Wir haben längst ein Ethikdefizit. Positive Werte müssen wieder stärker betont
und in den Vordergrund gebracht werden.
Die Organisation, das Unternehmen muss
stärker auf den Schutz vor korrumpierenden Einflüssen bedacht sein - insbesondere
in sicherheitsrelevanten bzw. für Konkurrenten interessanten Bereichen. Häufig fehlt ein entsprechendes Gefahrenbewusstsein,
erstrecht eine Gefahrenanalyse.
Stichwortartig noch einige weitere Antikorruptionsmaßnahmen:
• Transparente nachvollziehbare Geschäftsabläufe
• Eine funktionierende Innenrevision
• Personalrotation, insbesondere in anfälligen
Bereichen
• Funktionstrennungen dort, wo Kontrollen
erschwert werden
• Vier-Augen-Prinzip
• Klare Kompetenzabgrenzungen
• Benennung eines Korruptionsbeauftragten
• Behandlung des Themas Korruption in
Besprechungen
• Intensivierung interner Kontrollmechanismen
Korruptionsprävention
ist eine besondere Führungsaufgabe!
Eine qualifizierte Korruptionsprävention
gründet sich zuallererst auf einen ethisch begründeten Wertekonsens.
Das bisher in westlichen
Demokratien bei der Korruptionsbekämpfung vorrangig verfolgte Ziel, das Ansehen
des Staates zu schätzen (wobei die Strafbarkeit des Staatsbediensteten im Vordergrund
steht), ist nur begrenzt erfolgreich, weil das Ziel, das Ansehen der Wirtschaft
zu schützen, bisher weitestgehend ausgeklammert blieb. Der Bundesverband der Deutschen Industrie
(BDI) hat 1995 einen "freiwilligen Verhaltenskodex" zur Bekämpfung
der Korruption vorgelegt. Das ist ein wichtiger Schritt. Gleichwohl betrachte ich ihn mit Skepsis, zumal
auch die internationale Konjunktur freiwilliger Verhaltenskodizes der 70er und
80er Jahre keine hervorhebenswerten Veränderungen erbracht haben. Letztendlich hängt alles davon ab, ob Privatunternehmen
ihre öffentliche und soziale Verantwortung übernehmen. Ist das nicht der Fall, ist Korruption nicht
zu überwinden.
Der moderne bürgerliche Staat
ist entstanden als die ökonomischen und technischen Verhältnisse noch einfach
waren. Heute sind sie hochkomplex und
gerade im Hinblick auf die Wirtschaft staatlich nur noch begrenzt beeinflussbar
oder regulierbar. Die Konsequenz daraus
sollte die stärkere Selbstorganisation der Wirtschaft im Bereich der
Korruptionsbekämpfung sein. Insofern
haben die Wirtschaftsfunktionäre, die für freiwillige Maßnahmen eintreten, im
Prinzip recht. Aber nur im Prinzip,
denn Selbstorganisation muss bedeuten, dass sich das defensive Verhalten der
gewerblichen Wirtschaft bei der Korruptionsbekämpfung reduziert. Organisationen wie European Business Ethics
Network (EBEN) haben sich dieses Ziel gesetzt und erreichen bereits beachtliche
Ergebnisse.
Selbstorganisation bedeutet hier die Verpflichtung,
korruptionsfördernde Bedingungen innerhalb der Betriebe und der
wirtschaftlichen Beziehungen zu minimieren, beispielsweise durch die Optimierung
von Kontrollmechanismen, aber auch im Zusammenhang mit der Vermittlung
unternehmensethischer Grundwerte.
Soweit auf internationaler Ebene ernsthafte
Vorschläge zur Korruptionsbekämpfung vorgelegt worden sind, spielt die
transparente Buchhaltung und Rechnungslegung von Unternehmen eine zentrale
Rolle. Das bisher einzige Gesetz in den
Industrienationen zur Bekämpfung der Korruption im Ausland - nämlich der
amerikanische Foreign Corrupt Practices Act enthält strenge Vorschriften
dazu. Wenn sie verletzt werden -
beispielsweise durch schwarze Kassen - ist dies ein Bestrafungsgrund und führt
in der Regel zum weiteren Wettbewerbsausschluss. Im Bereich der EU gibt es verglichen
dazu noch erhebliche Optimierungsmöglichkeiten.
Korruption ist das Gegenteil von Wettbewerb. Sie verzögert wirtschaftlich notwendige
Marktanpassungen, sie erschwert wirtschaftliche Umstrukturierungen. Damit kann sie zu einer Gefahr für Menschen
und natürlich für Arbeitsplätze werden.
Mittelfristig vernichtet Korruption Arbeitsplätze. Deshalb ist Anti-Korruptionspolitik nicht
nur Justiz- sondern auch Wirtschaftspolitik.
Die
Bundesregierung will übrigens die Absetzbarkeit von Schmiergeldzahlungen von
der Steuer weiter erschweren und ein bundesweites Zentralregister von ertappten
korrupten Unternehmen anlegen. Darin
sollen alle Unternehmen, die Schmiergeld gezahlt haben, für einen bestimmten
Zeitraum erfasst und für öffentliche Aufträge gesperrt werden.
» Das seit 3 Jahren in der bayerischen
Bauindustrie umgesetzte Ethik Managementsystem
bietet ein gutes Beispiel für Korruptionsprävention. Dort werden von den Firmen bestimmte Verhaltensstandards, z.B.
Gesetzestreue und Ablehnung illegaler Geschäftspraktiken, verlangt. Auswirkungen von Fehlverhalten werden
umfassend erörtert. Das geschieht in intensiven
Schulungen, die auch das Werteprogramm der jeweiligen Firma vermitteln. Die vom Unternehmen akzeptierten und
besonders die nicht akzeptierten Spielregeln werden dabei in den Vordergrund
gebracht. Besonders wichtig ist hier
aber, dass das gesamte Programm zur Chefsache erklärt wird damit das Vorbild
klar ist.
40 Baufirmen mit etwa einem Drittel des
Umsatzes und Personals in der bayerischen Bauindustrie haben sich dem Ethik-Managementsystem
schon angeschlossen und damit auch ein deutliches Signal für ein Verständnis
der Korruptionsbekämpfung auch als Aufgabe der gewerblichen Wirtschaft
gegeben. In den USA sind diese "Codes
of Ethics" oder Codes of Conducts" aus dem Wirtschaftsleben nicht
mehr wegzudenken. 90 % der Unternehmen haben sie unterschrieben und 40 % sogar einen eigenen Ethik-Manager
eingestellt.
Der internationale Verband der Beratenden
Ingenieure (international Federation of Consulting Engineers - FIDIC) hat ebenfalls
eine Initiative ergriffen. Er hat in
die Verträge seines Verbandes eine Klausel eingefügt, wo nach jeder Vertrag ungültig
ist, wenn Korruption - in welcher Form auch immer - mit dem Vertragsgegenstand
im Zusammenhang steht.
Schlussfeststellung
Die Unternehmen der gewerblichen
Wirtschaft - insbesondere Großunternehmen - sollten sich besonders über die
völlig neue Rolle klar werden, die sie mit zunehmender Globalisierung
spielen. In einer immer mehr
zusammenwachsenden Weltgesellschaft haben Firmen auch eine immer größere
Sozialisations- und Vorbildfunktion.
Ihnen kommt verstärkt die Aufgabe zu, Werte zu vermitteln. Das geht im Übrigen weit über die Korruptionsbekämpfung
hinaus.
Das Steuerungspotential wandert mehr und mehr von der Politik zur Wirtschaft. Diese sollte sich darüber im klaren sein, dass sie mehr und mehr in den Mittelpunkt rückt und damit auch in hohem Maße die Standards ethischen und sozialen Verhaltens bestimmt.
1) Der Autor, Wolfgang Sielaff, stand bis Juni 2002 in der Funktion des Polizeivizepräsidenten in den Diensten der Polizei Hamburg (siehe Journal Nr. 1 vom 27. Juni 2002, "Ein Gentleman geht von Bord"). Er gehört dem ehrenamtlichen Beirat von PRO HONORE seit Frühjahr 1999 an und ist seit 2003 auch beim WEISSEN RING engagiert.
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